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Achtsamkeit, Schweigen, Meditieren - Kontemplation. Wie geht das?


Kontemplation und Achtsamkeit-meine dreitägigen Erfahrungen  am Benediktushof


Was ist Kontemplation?

 

 Kontemplation ist seit dem frühen Christentum bekannt und gilt als mystischer Weg der christlichen Tradition der Achtsamkeit und der tiefgehenden Erfahrung des Selbst. Ähnlich der östlichen Traditionen, wie der Zen, der aus dem Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus hervorgegangen ist. 

Die Grundprinzipien sind gleich. Das zentrale Element der Kontemplationspraxis ist das "Sitzen in Stille". Könnte somit auch als Meditation bezeichnet werden. Im Kurs kommen achtsames Gehen, Tönen und Rezitationen, Körperarbeit und begleitende Einzelgespräche hinzu. Wichtig ist das Schweigen während des Kurses.

Es geht darum im Hier und Jetzt zu sein. Im gegenwärtigen Augenblick zu sein. Achtsam sein, die Wahrnehmung schulen  und sich selbst wahrnehmen. Dies geschieht durch das Wahrnehmen des Körpers, des Atems und der Gedanken in Stille. Durch die Stille kann das Innere wahrgenommen werden. Der Fokus wird nach Innen gerichtet. Im  Alltag sind wir überwiegend im Außen.  


Ankommen am Benediktushof


Beim Ankommen werde ich freundlich in Empfang genommen. Ich trage mich in die Mitarbeitsliste ein , denn die tägliche Mitarbeit gehört hier dazu. Mein Zimmer ist unter dem Dach, direkt neben dem Seminarraum. Sehr puristisch eingerichtet. Konzentration auf das Wesentliche. Auf meinem ersten Spaziergang entdecke ich den Zengarten.  Dort gibt es eine schriftliche Erklärung. "Das gestaltete Landschaftsbild symbolisiert den Lauf des Lebens, von der verborgenen Quelle  bis zur Mündung in den großen Ozean. Die geharkten weißen Kieselsteine symbolisieren die Wellen in einem Flussbett."

 

Bitte Ruhe

Überall sind Schilder mit dem Nicht-Sprechen-Symbol. Bitte Ruhe.

Das empfinde ich als sehr entspannend. Ich bin einfach Mensch, der hier ist um in die Stille zu gehen, zum Schweigen und Meditieren.

Im Hof bellt laut ein Hund. Tiere brauchen nicht zu schweigen.

 

Das erste Essen in Stille. Die verschiedenen Gruppen treffen sich im Speisesaal. Es gibt eine kurze Einführung. Das Essen wird pünktlich gemeinsam eingenommen. Jeder steht hinter seinem Stuhl des gedeckten Tisches . Es gibt ein Ritual, erst wenn zweimal die Meditationsschale ertön, setzen sich alle. Vor dem Setzen verbeugt sich jeder als Zeichen der Dankbarkeit. Eine  Kerze wird angezündet. Erst wenn alle am Tisch etwas auf dem Teller haben, erfolgt nochmal eine Verbeugung und alle beginnen gleichzeitig mit dem Essen. Das vegetarische Bio-Essen steht auf dem Tisch. Eine Tomatensuppe, ein Gemüsesalat mit Sellerie, Brot und Butter. Zum Trinken gibt es Kräutertee.

 

Es ist ungewöhnlich in Stille zu essen, als ob jeder für sich ist.  Es wirkt auf mich, als ob jeder eine Insel ist. Kein Sprechen, kein

Austausch. Die Blicke gehen Richtung Teller.Jeder ist konzentriert auf sein Essen. Ob es auch andere Wege der Kommunikation gibt? Wie treten wir Menschen in Kontakt ohne Sprache? Ich bin sehr neugierig. Wer fertig ist, kann aufstehen und Gehen.

Einführung in die Kontemplation

 Bei der Einführung bekommen wir erklärt, wie die Kontemplation vor sich geht mit allen Ritualen. Abwechselnd Sitzen und Gehen, Jeder kann sitzen, wie es für ihn am Besten geht. Wir bekommen verschiedene Möglichkeiten erklärt. Ich probiere mal das Meditationsbänkchen und finde es ganz bequem. Wir sitzen mal nach innen zum Kreis gerichtet und manchmal auch nach außen. Das Sitzen nach außen hat nochmal eine andere Wirkung. Die Sitzzeiten sind ungefähr 15-20 min, dann meditatives Gehen circa 5 min.

Es gibt auch Vorträge zum Thema, das gemeinsame Rezitieren von Texten aus einem Buch, das jeder an seinem Platz hat und Körperübungen zum Wahrnehmen des eigenen Körpers. Auch Meditatives Tönen, lange Töne öffnen die Stimme, die ja sonst schweigt. Das öffnet das Herz.

Es geht darum nach Innen zu schauen, die Gedanken beobachten, nicht bewerten. Sich auf sich besinnen. Im Alltag sind wir meist im Außen und lenken uns gerne ab. Innenschau, statt im Außen zu sein. Kannst du es ertragen, dein Selbst? Wenn du es anschaust, was zeigt sich? 

 

"Jede Seele soll glücklich sein"

Erstes Üben, Sitzen, Wahrnehmen, sich spüren, den Körper, den Atem. Unsere Kursleiterin spricht vom "Lauschen", das ist etwas anderes als Hören. Beim Lauschen geht es tiefer, ein Wahrnehmen nach Innen und Hören im Außen. Die Sinne schärfen, nach der Stille werden die Wahrnehmungen stärker und bewusster. Außen wird es lauter.

"Kontemplation ist kein Wellness oder ein paar Tage in die Stille gehen. Es ist eine Lebenseinstellung, die wir mitnehmen."

"Kontemplation ist Liebe. Liebe zu sich selbst und zu allem. Eine bedingungslose Liebe, ohne Forderung und Erwartungen." Erwartungen machen uns oft unglücklich, wenn sie nicht erfüllt werden."

Es bedeutet im Hier und Jetzt zu sein. Nicht im Gestern und nicht im Morgen. Präsent sein bei dem was ich gerade tue. Ob es eine Tätigkeit oder ein Gespräch ist. Es geht um das Jetzt in meinem Leben. Denn das ist das Leben, dieser Moment.  

Die Gedanken kommen nicht, weil es still ist. Unsere Gedanken sind immer da, nur in der Stille nehmen wir sie stärker wahr.  In der Stille können wir zum Beobachter werden, indem wir in Distanz treten zu den Gedanken und Problemen. Sie annehmen ohne zu bewerten, ohne Beurteilung und dann die Gedanken wie Wolken einfach ziehen lassen. Annehmen heißt jedoch nicht alles ertragen, sondern es bedeutet nicht mehr zu kämpfen bei Dingen, die so sind wie sie sind, die nicht zu ändern sind.

Der Tag beginnt um früh

Um 5.45 Uhr beginnt der Kurs mit meditativem Gehen draußen um den Brunnen herum. Sonst ist es im Garten der Stille, doch leider ist es zu nass dort. Garten der Stille, welch schöner Name! Wir gehen eine knappe halbe Stunde. Jeder in seinem Tempo, in seinem Rhythmus. Jeder etwas anders. Der Eine schwebt achtsam über den Boden, eine Andere schlürft langsam entlang, eine Andere geht ganz zugig, flott. Mit der Zeit entsteht ein Flow in der Gruppe. Es tut gut die frische Luft am frühen Morgen. Die Vögel singen harmonisch. Ich höre eine Amsel fröhlich zwitschern. 

Von 6.30-7.30 Uhr haben wir Kurs. Dann gibt es Frühstück. Von 8.00-9.00 ist die Mitarbeit. Zur Teilnahme an den Kursen gehört pro Tag eine Stunde Mitarbeit  in Küche, Haus oder Werkstatt. Ich bin für Tischdienst eingetragen. Wir sind nur zu Dritt und alleine zuständig für einen großen Speisesaal. Abräumen, Putzen, Stühle hochstellen und durchmobben. Dann Stühle wieder runter und alles wieder eindecken und auffüllen. Ganz schön viel zu tun finde ich. 

Um 9.45 Uhr  geht’s weiter bis 12.00 Uhr. Dann Mittagessen. Am Nachmittag 14.30 Uhr gibt es noch eine Einheit bis zum Abendessen um 18.00, Pause und dann nochmal von 19.30 bis 21.00 Uhr.

 

Der letzte Tag

Der letzte Tag beginn wieder um 5.45 Uhr mit dem meditativen Gehen. Eine Einheit Kontemplative Grundübung des Sitzens in der Stille und achtsames Gehen. Frühstück, dann Mitarbeit und Zimmer aufräumen. Es gibt noch einen sehr schönen Vortrag und die Möglichkeit Fragen zu stellen. Der Kurs endet um 12.00 Uhr mit dem Mittagessen. Wer möchte kann sich ab 12.30 Uhr noch mit den Teinehmer/innen unterhalten. Das Schweigen ist beendet.

 

Ich tausche mich noch mit Einigen aus. Es ergeben sich interessante Gespräche. Die Menschen kommen von überall her, sogar aus der Schweiz. Sie sind auf der Suche nach Antworten, nach Entscheidungen, nach sich Selbst und nach Ruhe.

Was nehme ich für mich mit?

Die drei Tage im Benediktushof waren für mich eine gute Erfahrung.  Das Schweigen war eine ganz neue Situation. Es ist mir leicht gefallen das Schweigen. Beim Essen fand ich es allerdings komisch und ohne Kommunikation ist das sehr ungewohnt.

Ich fühle mich ruhiger und zugleich auch erschöpft vom Denken und von der Tiefe die ich hier erfahren durfte. Körperlich spüre ich einige Verspannungen, besonders im Nacken und Schulterbereich. Hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend ist zu meditieren. Ja es stimmt es ist keine Wellness im klassischen Sinne. Vielleicht eher eine Wellness für den Geist und ein Sortieren der Gedanken.

Viele Anregungen, wie das Annehmen, das Achtsam Sein und das Innehalten, sind bei mir im Gepäck und diese möchte ich gerne in meinen Alltag integrieren.


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Über mich

Mein Name ist Claudia Raus und habe eine Praxis für heilkundliche Psychotherapie in Mainz. Als Heilpraktikerin für Psychotherapie* arbeite ich mit den Methoden der Systemischen Familientherapie, Elementen aus der Kognitiven Verhaltenstherapie und der Tiefenpsychologie.  Zusätzlich biete ich Kurse für Achtsamkeit und Entspannungsverfahren mit  Klangschalen an. 

 

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