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Der erstaunliche Zusammenhang zwischen dem Unbewussten und einer glücklichen Beziehung

Was ist das Unbewusste?

Nach Sigmund Freud war das Unbewusste ein Ort in unserer Seele, in dem Informationen gelagert sind, die dem Bewusstsein nicht direkt zugänglich sind. Das bekannte Eisbergmodell zeigt, dass das Unbewusste den Großteil des Eisberges ausmacht und dieser unsichtbar unter der Wasseroberfläche liegt. Dem Bewusstsein kommt ein wesentlich kleinerer Teil zu, nur die Spitze des Eisberges, welche über dem Wasser sichtbar ist. Freud ging davon aus, dass viele unserer Handlungen unbewusst gesteuert werden. Wir handeln, ohne den Grund zu kennen. Auch teilte er die seelische Struktur in „Ich“ „Über-Ich“ und „Es“ ein, wobei das „ Es“ als Ort der Triebe, als Urquelle gilt und diese unbewusst bleiben. Unangenehme Erfahrungen und Gefühle werden verdrängt, doch das Verdrängte verschwindet dadurch nicht einfach, sondern klopft immer wieder an und will bewusst werden. Es ist wie ein Ball, der ständig unter Wasser gehalten werden muss. Ein psychischer Kraftakt, der Energie kostet. Das Verdrängte kann als Symptom hochkommen (z.B. als Muskelverspannung, als psychisches Problem). Freud verglich die Verdrängung mit einem „Elektrozaun, der ständig unter Strom gesetzt werden muss, damit die Stiere der Vergangenheit und das Unbewusste eingesperrt bleiben". Je mehr verdrängt werden muss, desto mehr Kraft braucht es. Diese fehlt dann an andere Stelle, z.B. zur Alltagsbewältigung. Ein Mechanismus, der z.B. bei Depressionen sichtbar wird.

"Wir sind die Geschichte unserer Beziehungen"

Nach heutigem Stand des Wissens, bzw. nach den neusten psychologischen Forschungen ist diese Unterteilung bzw. Aufspaltung der Seele so nicht mehr nachvollziehbar. Man geht allgemein davon aus, dass es bewusste und unbewusste Anteile gibt. Die unbewussten Anteile sind sehr frühkindlich geprägte Muster. Das Bewusstsein wird erst später gebildet und man sagt, dass dieser Prozess bis zum 7/8 Lebensjahr abgeschlossen ist. Da die ersten frühen Lebensjahre unbewusst sind, können wir uns an Erlebnisse aus dem frühsten Baby- oder Kleinkindalter nicht erinnern. Wichtig ist auf jeden Fall, was in dieser Zeit an Prägungen stattgefunden hat. Diese sind immer noch unbewusst wirksam und wirken sich auf unsere Beziehungsmuster aus. Dies kann zu Konflikten in der heutigen Beziehungsgestaltung führen. „Wir sind die Geschichte unserer Beziehungen.“

 

Wir wollen meist nicht werden wie unsere Eltern!

Geht es dir auch so, du möchtest nicht so werden wie deine Eltern oder auf keinen Fall so eine Beziehung führen? Und doch bist du geprägt von ihnen und ihrem Beziehungsverhalten. Unbewusst haben wir da einiges übernommen, gespeichert und leben das möglicherweise immer noch unbewusst aus. Häufig dienen schwierige Verhaltensweisen als  Schutzmechanismen als Folge erlebter Bindungstraumata. Beispielweise ein Mensch, der sich nicht dauerhaft binden kann oder in einer Beziehung klammert, aufgrund emotionaler Verletzungen durch die Trennung der Eltern und dem Verlust eines Elternteils. Die unbewussten Mustern mit der eine Beziehung geführt wird, tragen dazu bei, dass alte Erfahrungen immer und immer wieder durchlebt werden. 

Daher ist das Ziel z.B. einer tiefenpsychologischen Therapie diese unbewussten Prägungen oder auch Glaubenssätze ins Bewusstsein zu bekommen, um diese dann verändern zu können.  

Die Beziehungsschublade

Die Prägung der ersten Jahre führen dazu, dass wir ein Bild von einer Beziehung bekommen. Es ist wie eine Beziehungsschublade, in die wir unbewusst die Vorstellungen ablegen, wie eine Beziehung sein soll. Das können auch negative Erfahrungen sein, die dann später wieder aufgesucht werden und wieder reinszeniert werden. Das Bekannte und das was wir kennen, wollen wir unbewusst wieder in unseren Beziehungen haben. Das Bekannte gibt Sicherheit. Daher gilt es zu schauen, was ist denn eigentlich in meiner Beziehungsschublade und wie soll meine persönliche  Beziehungsschublade heute aussehen? Was möchtest du bewusst drin haben und was kannst du aussortieren?  Wie hast du die Beziehung deiner Eltern erlebt. An welche Beziehungserfahrungen kannst du dich erinnern?  Was ganz genau wünscht du dir heute in einer glücklichen Beziehung? 

Du kannst es für dich aufschreiben und ganz konkrete Formulierungen verwenden.

 

Beziehung und  Verwundbarkeit

Die Vulnerabilität (Verwundbarkeit für psychische Erkrankungen) geht zum großen Teil auf die Erfahrungen in der Kindheit zurück, dabei können auch traumatische Erlebnisse eine Rolle spielen. Wichtig ist die Art der Beziehungen:

zu den Eltern, den Geschwistern, das soziale Milieu, die Familiengeschichte und auch Kriegserfahrungen, die Generationen nachwirken können.

Zwischenmenschliche Beziehung sind für die Entstehung und Heilung in der Psychotherapie von wesentlicher Bedeutung. Wir sind soziale Wesen, die voneinander abhängig sind und die Verbindung sicherte uns in der Urzeit das Überleben. Auch das Modell deiner Beziehung zu dir selbst ist nach dem Modell der zwischenmenschlichen Beziehungen entstanden, meist in der  Beziehung mit deinen Eltern oder mit deinen frühen Bezugspersonen. Als Kind sind wir abhängig von der Bindung zu unseren Bezugspersonen, unser Überleben hängt davon ab. Kommt es zu schwierigen oder traumatischen Erlebnissen entwickelt das Kind Strategien, um in dieser Situation zu überleben, auch emotional. Diese könne im späterer Leben die Beziehungsgestaltung erschweren.

 

Der Wiederholungszwang

Immer wieder kommen Menschen, gerade in Beziehungen, in dieselbe Situation. Möglicherweise enden Beziehungen in gleicher Weise oder es entstehen ähnliche Beziehungsmuster. Es kann sich um den sogenannten Wiederholungszwang handeln. Bestimmte Beziehungserfahrungen werden unbewusst wiederholt, ohne zu verstehen warum das wieder so passiert und obwohl wir genau das vermeiden wollen. Kommt dir das bekannt vor? Bei den Beziehungen muss es sich nicht nur um Liebesbeziehungen handeln. Es kann auch in der Beziehung zum Chef/Chefin, Kollegen oder auch in Freundschaften zu Wiederholungen kommen. Beispielsweise immer wieder ein cholerischer Typ Chef, mit dem Konflikte ausgetragen werden. Daher ist es wichtig in der Therapie den Mechanismus eines Wiederholungszwangs aufzudecken, zu verstehen und in der therapeutischen Beziehung zu bearbeiten.

Ein Beispiel für ein wiederholtes Muster

Bei der vierjährigen Marie kommt es zur Trennung der Eltern, dadurch ist der Vater nicht mehr für seine Tochter da. Marie erlebt Gefühle von Angst durch die Abwesenheit des Vaters, die unaushaltbar sind. Zum Schutz spaltet sie diese Gefühle ab, man sagt auch dissoziieren.

Marie hat als Erwachsene immer wieder Beziehungen zu Männern, die emotional nicht für sie da sind. Sie sucht unbewusst nach dem bekannten Beziehungsmuster. Sie fühlt sich sicher mit einem Mann, der ihr das gibt, was sie kennt. Genau diese Situation triggert ihren alten Schmerz, allein zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht liebenswert zu sein.

Die Wiederholung der Situation, des kindlichen Schmerzes bietet Heilungspotential für die Seele, wenn es gelingt sich diese bewusst zu machen. Der Trigger kann als Chance genutzt werden. Wirst du dir einer solchen Situation bewusst, kannst du dir folgende Fragen stellen:

Was macht es mit mir?  Was genau fühle ich?

Achte hier auch auf deine körperlichen Gefühle (z.B. ein Kloss im Hals, Druck im Bauch).

Was passiert da mit mir und wie alt fühle ich mich mit diesem Schmerz? 


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Veränderung als innerer Prozess 

Ein innerer Prozess kann zustande kommen, in dem die abgespaltenen Gefühle Raum bekommen und ausgehalten  werden. Es ist wie ein Verbrennen. Durch die Bewusstmachung kann das alte System bzw. das Muster überschreiben werden. Das Muster oder Glaubenssystem, welches früher das (emotionale) Überleben sicherte, dient uns heute nicht mehr. Die Partnerwahl ist ein Spiegel des Unbewussten und wenn dir das bewusst wird, kann es als Chance genutzt werden, um die eigenen inneren Themen zu bearbeiten. Das Ziel ist es, in die Position des Erwachsenen zu kommen, der sich selbst annimmt und schützen kann.

Und so führt der Weg zur einer glückliche Partnerschaft nicht über den perfekten Partner, sondern über dich selbst. Über eine Weiterentwicklung durch das Erkennen unbewusster Muster, das Anerkennen und Durchleben des kindlichen Schmerzes und dem Neuprogrammieren. Dem Verabschieden von alten Glaubenssätzen und dem neu befüllen deiner Beziehungsschublade.  Diese Themen gehen in die Tiefe und können im Lauf einer Therapie bearbeitet und verändert werden. Um hier eine Veränderung zu bewirken, braucht es Zeit.


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Über mich

Mein Name ist Claudia Raus und ich habe eine Psychologische Beratungspraxis in Mainz. Als Heilpraktikerin für Psychotherapie* arbeite ganzheitlich integrativ mit den Methoden der Systemischen und der tiefenpsychologisch orientierten Therapie.  Zusätzlich biete ich Workshops zum Thema Achtsamkeit an. Als Dozentin bin ich im Bereich Klinische Psychologie für die Paracelsus-Heilpraktiker-Schule  tätig. 

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